Der Wanderer

Wenn in der winterlichen Dunkelheit das erste Funkeln der Lichter erscheint und der Wind Geschichten durch die kahlen Äste flüstert, begegnen sich zwei Gestalten aus verschiedenen Zeiten – und doch aus demselben uralten Erbe: der Weihnachtsmann und Odin.

Lange bevor der rotgewandete Gabenbringer die Kinderherzen eroberte, durchstreifte der nordische Allvater die winterlichen Himmel. Odin, Herr der Runen, Wanderer zwischen den Welten, ritt während der Rauhnächte auf seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir voraus in die tiefste Dunkelheit des Jahres. Gemeinsam mit dem wilden Gefolge der Wilden Jagd zog er über die Wolken, ein Sturm aus Geistern, Ahnen und uralter Macht. Wer aufmerksam lauscht, meint im Heulen des Windes noch heute den Hufschlag Sleipnirs zu hören.

Aus dieser Tradition stammt die Vorstellung von einem nächtlichen Besucher, der über den Himmel reist und in der dunkelsten Zeit Hoffnung und Gaben bringt. Die Kinder jener Zeit legten einst Futter für Sleipnir aus – ein Brauch, der heute in den Tellern voller Kekse und Milch für den Weihnachtsmann nachhallt. Odins langer Mantel, sein breiter Hut oder die Kapuze, der weiße Bart und die tiefe Weisheit des stillen Wanderers spiegeln sich in der modernen Figur des Weihnachtsmanns wider. Selbst sein Blick, halb gütig, halb allwissend, scheint eine Erinnerung an den Gott, der die Welt durch Opfer und Erkenntnis formte.

Mit der Christianisierung verschwammen die Linien: Aus dem geheimnisvollen Vater der Gaben, dem nächtlichen Reiter und Bewahrer alter Runen, entstand langsam der heitere, doch ehrwürdige Weihnachtsmann. Die wilde Jagd wurde zu einem friedlichen Schlittenzug, die donnernden Hufe Sleipnirs zu den klingenden Hufen der Rentiere, und aus dem Wanderer zwischen den Welten wurde der freundliche Geist der Weihnacht.

Doch in den langen Winternächten, wenn Schnee und Sterne die Welt in Stille hüllen, spürt man noch immer etwas von der uralten Macht.

Der Weihnachtsmann, wie er heute über den Himmel fährt, trägt ein Erbe, das älter ist als viele vermuten – ein Erbe, das direkt zu Odin zurückführt, dem wandernden Gott der nordischen Winter.

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